r Das geträumte Abenteuer
Valeska Grisebach, Bulgarien, Deutschland, 2026o
Veska ist im bulgarischen Svilengrad aufgewachsen. Jahre später kehrt sie als Archäologin zurück, um die Ausgrabungen einer mittelalterlichen Burg nahe der türkischen und griechischen Grenze zu leiten. Als ein früherer Arbeitskollege in der Gegend auftaucht und schnelles Geld machen will, wird sie in die Schattenwelt der Grenzregion gezogen.
Achtung, wer diesen Film geniessen will, muss bereit sein, sich auf unausgetretene Pfade führen zu lassen: keine bekannten Schauspieler:innen, keine vertraute Sprache, keine vorhersehbare Handlung und eine ungewöhnliche Länge von 165 Minuten. Wie schon ihren Film Western von 2017 hat die deutsche Filmautorin Valeska Grisebach Das geträumte Abenteuer im Süden Bulgariens gedreht, diesmal nahe der türkischen Grenze. Ihr Film zeichnet ebenso sehr das Bild dieser für Schmuggel und zwielichtige Geschäfte aller Art prädestinierten Region wie das Porträt einer Generation, die in jungen Jahren den Zusammenbruch des Kommunismus und den Aufbruch in eine neue Freiheit erlebt hat.
Zunächst folgen wir Said, einem Mann um die fünfzig, der unterwegs ist, um eine etwas dubiose Treibstofflieferung zu organisieren. In Svilengrad wird ihm sein Auto gestohlen, doch glücklicherweise begegnet er Veska (die beeindruckende Yana Radeva), einer alten Bekannten, die als Archäologin in die Gegend zurückgekehrt ist und ihm aus der Patsche hilft. Dann wird der Film unvermittelt zu ihrer Geschichte, denn Said ist plötzlich verschwunden. Auf der Suche nach ihm begegnet Veska verschiedenen Menschen, darunter Iliya, einem weiteren «alten Freund», der inzwischen zum reichsten Geschäftsmann der Region aufgestiegen ist. Droht Gefahr?
Fast unmerklich entwickelt die Regisseurin ihren Film um dieses etwas desillusionierte Dreieck von Menschen, die ihre Sehnsüchte und persönlichen Moralvorstellungen noch nicht aufgegeben haben. Mit seiner unterschwelligen Spannung entspricht die Grundkonstellation zwar den Konventionen des Mafia-Dramas. Doch abgesehen von einer Verbeugung vor Antonionis L’avventura gleicht der Film über weite Strecken eher einem beobachtenden Dokumentarfilm, bevor es zu den entscheidenden Konfrontationen kommt – die keineswegs zwangsläufig in gewaltsame Abrechnungen münden.
Daraus entsteht ein wahrhaft neuartiges, subtil feministisches Kinoerlebnis, das seinen Jurypreis in Cannes mehr als verdient hat – jene eher nachrangige Auszeichnung, mit der gern besonders originelle Werke gewürdigt werden.
Norbert CreutzGalerieo
