r Soudain
Ryusuke Hamaguchi, Frankreich, Japan, 2026o
Die Leiterin eines Altersheims in Paris verausgabt sich bei der Durchsetzung einer menschengerechten Pflege am Widerstand von Management und Personal. An der Grenze zum Burnout lernt sie eine krebskranke japanische Theaterregisseurin kennen, mit der sie in Kürze eine tiefe Freundschaft schliesst. Gemeinsam verwandeln die beiden Frauen das Heim in einen Ort des Widerstands gegen ein System, in dem die Menschlichkeit zu kurz kommt.
Dies ist ein Film, der glücklich macht. Weil er sich an die grossen Fragen wagt und Risiken eingeht. Und weil er das mit rarem künstlerischem Feingefühl tut. Dabei stellt dies alles im Fall von Ryusuke Hamaguchi keine Überraschung dar. Mit Filmen wie Drive My Car oder Evil Does Not Exist hat der 1978 geborene Japaner längst gezeigt, wie raffiniert und radikal er zu erzählen weiss. In seinem ersten französischen Film spielt Virginie Efira die Leiterin eines privaten Altersheims in Paris, die mit ihrer Umstellung auf eine menschenwürdige Pflege an Grenzen stösst. Die Investoren halten die neuen Prinzipien für unrentabel, das Personal murrt wegen Mehrbelastung, der langfristige Vorteil ist noch nicht greifbar. An der Grenze zum Burn-out lernt die Leiterin eine krebskranke japanische Theater-Regisseurin (Tao Okamoto) kennen, zudem deren Hauptdarsteller und dessen autistischen Enkel, die beide in einem Stück über die Aufhebung der geschlossenen psychiatrischen Anstalten im Italien der 1970er Jahre auftreten. Der Besuch des Stücks wird zum Anfang einer langen Nacht, die Nacht zum Beginn einer tiefen kurzen Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Diese wunderbar gezeichnete Seelenverwandtschaft ist das eine Herzstück von Soudain, das andere ist der beschwerliche Weg zu jenem menschengerechten Umgang mit Hochbetagten, der uns als Analogie zur italienischen Psychiatrie-Reform ganz konkret vor Augen geführt wird. Das verbindende Element zwischen den beiden Strängen sind die Gespräche der beiden Frauen, bei denen ihnen bewusst wird, dass sie gegen die kapitalistische Ausgrenzungslogik, der Verbannung alles «Unproduktiven», ankämpfen. Zur Skizzierung dieses Zusammenhangs scheut Hamaguchi nicht vor einem viertelstündigen Theorieexkurs der Regisseurin am Whiteboard zurück, doch in der zweiten Hälfte löst er hochemotional ein, was er angelegt hat: ein Abstecher der Frauen nach Japan, ihre Rückkehr nach Paris, ein Workshop der kranken Regisseurin mit den Heimbewohner:innen, der zum leisen Happening wird. Was hochgestochen klingen mag, wird in Hamaguchis konzentrierter Inszenierung so einfach wie schlagend klar: Soudain steht für die plötzliche, über die Ästhetik erzielte Einsicht, dass hier und jetzt der Widerstand gegen einen Lebensstil anfangen muss, der uns aufzufressen droht.
Andreas Furler
