r The Invite
Olivia Wilde, USA, 2026o
Das abgekämpfte Ehepaar Angela und Joe lädt ein neu benachbartes Paar ein, das es mit lautstarkem Sex regelmässig an seine Krise erinnert. Die Eingeladenen entpuppen sich als unkonventionelles Swingerpärchen, das auch einem Partnertausch mit Angela und Joe nicht abgeneigt wäre. Ein Frischzellenkur oder der Sargnagel für Angela und Joe, wenn sie sich auf das Experiment einliessen? Der Abend nimmt einen Verlauf, den bald niemand mehr im Griff hat.
Ähnlich wie der italienische Rekordhalter Perfetti sconoscuti (2016) hat die spanische Sexkomödie Sentimental (2020) schon einige nationale Remakes nach sich gezogen, darunter die Schweizer Fassung Die Nachbarn von oben und die französische, Et plus, si affinités. Nun liegt das US-Version vor, und nach wie vor geht es um ein Paar mittleren Alters, das schon einige Abnutzungserscheinungen zeigt und sich umso mehr über ein neu zugezogenes im Haus aufregt, das regelmässig lautstarken Sex hat. Als die Sexmuffel die Sexakrobaten zum Apéro einladen, um auch das Problem der Ruhestörungen anzusprechen, kommt es zu einem Abend voller Überraschungen, in dessen Verlauf sich die Neulinge als Swinger outen und das andere Paar zum Partnertausch einladen. Wie in allen bisherigen Varianten des Stoffs tun sich dabei Gräben in alle Richtungen auf – und verläuft der Abend zuletzt doch weniger ausschweifend, als es die Vorgabe suggeriert. Die grösste Überraschung an der US-Version offenbart sich dabei schon mit dem Klingeln an der Tür: Davor stehen Edward Norton und Penélope Cruz, eine aberwitzige Paarung, die vom virtuosen Duo mit sichtlichem Vergnügen in ein paar absurde Steigerungskurven getrieben wird. Als ihr bürgerlicheres Gegenüber tragen Olivia Wilde, die auch als Regisseurin zeichnet, und der Erzkomödiant Seth Rogen, ein paar rhetorische Ringkämpfe aus, die im Vergleich zu den bisherigen Fassungen ausgefeilter sind, sich dafür in die Länge ziehen. Die eigentliche Gretchenfrage des Stoffs – wie weit wird das erotische Experiment gehen? – löst The Invite sehr amerikanisch auf: Nacktheit wird tunlichst vermieden, lieber stürzt man im erotischen Überschwang ein Büchergestell um, als es zu vollendeter Untreue kommen zu lassen. Die Bibel in der puritanischen US-Lesart hat eben doch recht: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass Flatterhafte in den siebten Himmel kommen.
Andreas Furler
