r Histoires parallèles
Asghar Farhadi, Frankreich, Belgien, 2026o
Auf der Suche nach Inspiration für ihren neuen Roman beobachtet Sylvie heimlich ihre Nachbarn im Gebäude gegenüber. Als sie den jungen Adam einstellt, damit er ihr im Alltag hilft, ahnt sie nicht, dass er ihr Leben und ihre Arbeit auf den Kopf stellen wird – bis die Fiktion, die sie sich ausgedacht hatte, die Realität aller Beteiligten übertrifft.
Der bedeutende iranische Filmemacher Asghar Farhadi (A Separation) hat bereits einen Film in Frankreich gedreht (Le passé) und einen weiteren in Spanien (Everybody Knows). Nun meldet er sich nach fünf Jahren Pause aus Paris zurück, mit einer seiner typisch verschachtelten, universellen Geschichten. Im Mittelpunkt steht eine Schriftstellerin mittleren Alters (Isabelle Huppert), die ihre Nachbarn heimlich beobachtet und sich Geschichten über sie ausdenkt: ein Geräuschemacher-Trio aus zwei Männern und einer Frau (Vincent Cassel, Virginie Efira und Pierre Niney). Kurz vor ihrem Umzug engagiert sie Adam, einen jungen Mann in Schwierigkeiten, den ihr ihre Tochter vermittelt hat. Dieser macht sich insgeheim ihr aufgegebenes Manuskript zu eigen und schleicht sich in das Leben der Nachbar ein – was nicht ohne gehörige Verwicklungen bleibt. Farhadi, der sich seinerseits von Krzysztof Kieslowskis berühmtem Dekalog (1989) inspirieren liess, beschäftigt sich hier mit Fragen der künstlerischen Inspiration und der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Das ist brillant konzipiert, zudem gekonnt inszeniert mit Schauspieler:innen in Bestform. Zugegeben, früher oder später stellt sich das Gefühl ein, dass eine schöne Maschinerie ein wenig ins Leere läuft: Die Figuren bleiben zu theoretisch und wecken deshalb keine starken Emotionen. Die moralische Besorgnis, die Kieslowski antrieb, tritt hier zugunsten eleganter Arabesken in den Hintergrund; das schmälert jedoch keineswegs den Glanz dieser Parallele Geschichten.
Norbert Creutz
