Primavera

Damiano Michieletto, Frankreich, Italien, 2025o

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Im Venedig des 18. Jahrhunderts wächst die talentierte Violinistin Cecilia (Tecla Insolia) im Ospedale della Pietà auf – einem Heim für verwaiste Mädchen, das die dort lebenden Kinder in das Studium der Musik einführt und dessen Orchester weltweit angesehen ist. Bei ihren Auftritten für wohlhabende Gönner bleibt Cecilia stets hinter einer Maske verborgen: Sie soll nicht als eigenständige Person gesehen werden. Doch mit der Ankunft eines neuen Lehrers bekommt sie erstmals die Chance, der Enge ihres bisherigen Lebens und der Aussicht einer arrangierten Ehe zu entkommen. Antonio Vivaldi (Michele Riondino), der neue Leiter des Orchesters, ermutigt sie, ihren eigenen Weg zu gehen. Vorbei an den strengen gesellschaftlichen Regeln und mit der befreienden Kraft der Musik kämpft Cecilia um ihr Schicksal und ein Leben jenseits vorgezeichneter Rollen.

Mit dem Melodram-Musical Gloria! schien im italienischen Kino vor zwei Jahren ein barocker Frühling aufzukeimen. Doch der Versuch, Vivaldi und seine Zeitgenossinnen in ein popkulturelles Format zu überführen, blieb oberflächlich. Nun liegt mit der Verfilmung von Tiziano Scarpas Roman Stabat Mater eine differenziertere Aufarbeitung der venezianischen Waisenhaus-Orchester des 18. Jahrhunderts vor, welche die musikalische Ausbildung der jungen Frauen nutzten, ums sie gewinnbringend zu verheiraten. Im Zentrum steht Cecilia, die sich gegen das ausbeuterisches System stellt und zwischen Zwangsheirat und künstlerischer Selbstbestimmung entscheiden muss – unterstützt vom ebenfalls systemgefangenen Antonio Vivaldi. Der Regisseur Damiano Michieletto, von Oper und Theater herkommend, setzt auf reduzierte Inszenierung: dunkle Räume, zurückhaltende Musik, kaum barocke Opulenz. Seine Stärke liegt in der Arbeit mit den Darstellerinnen. Tecla Insolia überzeugt als Cecilia mit stiller Intensität und unterdrückter Wut, während Michele Riondino einen introvertierten, resignierten Vivaldi gibt. Spannung entsteht durch die überkreuzten Konflikte und Cecilias Sehnsucht nach einer greifbaren Herkunft, die sich in ihrem inneren Brief an ihre unbekannte Mutter ausdrückt. Ihr Dilemma entsteht, als ihr Talent erkannt wird. Michieletto zeigt, etwa in entwürdigenden Untersuchungen oder brutalen Racheakten, ungeschönt die Härte, mit der das System seine Schützlinge gefügig machte. Für einen grossen Film fällt die Figurenentwicklung zwar zu knapp aus, das Ende zu vage. Doch Primavera zeichnet ein aufschlussreiches Bild der ökonomischen Bedingungen der Zeit und der Genese von Vivaldis Werk als Teil eines Verwertungssystems, und dies endlich auch aus weiblicher Perspektive.

Michael Sennhauser

Galerieo

Filmdateno

Synchrontitel
Primavera - Vivaldi und ich DE
Vivaldi et moi - Vivaldi et moi FR
Genre
Musik/Tanz, Drama, Historisch
Länge
110 Min.
Originalsprachen
Italienisch, Französisch
Bewertungen
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ØIhre Bewertung7.1/10
IMDB-User:
7.1 (527)
Cinefile-User:
< 3 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen

Cast & Crewo

Tecla InsoliaCecilia
Michele RiondinoAntonio Vivaldi
Fabrizia SacchiPriora
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